Startseite Bahnhofsvorplatz Stadtwerkegelände Offener Brief Literaturhinweise Presse Kontaktdaten/Email

An alle  Stadtverordneten Des Rates der Stadt Bonn
Offener Brief zur geplanten Ausweitung der City bis zum Einkaufszentrum auf dem Stadtwerkegelände


Sehr geehrte Damen und Herren,


im Sinne einer verträglichen Innenstadtentwicklung bitten wir Sie nachdrücklich, der geplanten Ausweitung der City bis zum Einkaufszentrum auf dem Stadtwerkegelände Ihre Zustimmung zu versagen. Die Ausweitung gegen den Expertenvorschlag des Gutachters für die Erstellung des Einzelhandels- und Zentrenkonzeptes hat keine inhaltliche Begründung, sondern dient allein dazu, dem Investorenwunsch nachkommen zu können und die Bilanz der Stadtwerke zu verbessern.
Die entscheidenden Argumente haben wir nachfolgend kurz zusammengefasst:


1. In den Diskussionen um das Zentrenkonzept stand eine Ausdehnung der City nie zur Debatte. Erst mit dem Investorenwunsch, am Stadtwerkegelände ein Einkaufszentrum zu errichten, entwickelte sich die „Notwendigkeit" die Innenstadt auszuweiten. Immobilien- und Handelsexperten bestätigen, dass der Standort des Einkaufszentrums ungeeignet ist. Zudem mutet es sonderbar an, wenn der Landesgesetzgeber die Ansiedlung großflächigen Einzelhandels auf Innenstadtbereiche einschränkt, und Bonn ein außerhalb gelegenes Areal per Ratsbeschluss zum Zentrum erklärt.
Hinter der Ausweitung der City steckt kein langfristiges Konzept, sondern nur die Befriedigung von Investorenwünschen.


2. An Einzelhandelsflächen mangelt es Bonn nicht grundsätzlich. Mit ca. 1,4 qm je Einwohner liegt Bonn im Bundesdurchschnitt und damit doppelt so hoch wie Frankreich oder Großbritannien. Bonn verfügt über mehrere Stadtzentren, in denen funktionsfähiger Einzelhandel stattfindet. Eine Vergrößerung des Zentrums durch ein Einkaufszentrum geht nicht nur zu Lasten der bisherigen City, sondern ebenso zu Lasten der Bezirkszentren, denn auch dort wird Kaufkraft abgezogen.
Großflächiger Einzelhandel ist in der City sinnvoll, wenn ein Beitrag zur Behebung städtebaulicher Defizite geleistet wird.


3. Die Defizite in der Kaufkraftbindung finden sich nicht in innenstadtrelevanten Sortimenten, wie z.B. Textil, Schmuck und ähnlichem, sondern hauptsächlich in den Sortimenten Möbel, Baumarkt/Gartenbedarf und Lebensmittel. Außer einem Lebensmittelangebot wird sich nichts davon in dem Einkaufszentrum wiederfinden. Fehlende Marktführer wie „Saturn" können an den vakanten Stellen innerhalb der City leicht untergebracht werden.
Das Einkaufszentrum mit der Behebung von Schwächen in der Kaufkraftbindung zu begründen, ist Etikettenschwindel.


4. Zur Aufwertung des Areals rund um den Stiftsplatz ist ein Einkaufszentrum nicht erforderlich, aus unserer Sicht sogar kontraproduktiv. In die Nähe des Festspielhauses passt eine „Kulturinsel" deutlich besser. Damit würde auch vermieden, dass der Fehler zu hoher Leasingraten aus vergangenen Tagen durch einen neuerlichen Fehler ersetzt würde.
Ein architektonisches und kulturelles Markenzeichen von höchster Qualität wie das Festspielhaus wird durch „Geiz ist geil" entwertet.


5. Es entsteht der Eindruck, dass die budgetäre Situation der Stadtwerke und das Interesse von Investoren für kurzfristige politische Erfolge genutzt werden. Im Zusammenhang mit den Verkaufsabsichten der Stadtwerke drängt sich der Schluss auf, dass die „Braut" Stadtwerke durch die Bilanzkosmetik für den Verkauf nach Köln verschönert werden soll.
Um das Tafelsilber meistbietend verkaufen zu können, wird die funktionierende Innenstadt dem Investoreninteresse geopfert.


6. Alle Daten der vergangenen Jahre belegen, dass die Beschäftigtenzahl im Einzelhandel durch die flächenoptimierten Einkaufszentren nicht gestiegen ist. Es ist ein Trugschluss zu glauben, das ein Einkaufszentrum im Stadtgebiet die Beschäftigtenzahl im Einzelhandel zu steigern vermag. Das Gegenteil ist der Fall.
Das Einkaufszentrum wird Arbeitsplätze im Einzelhandel kosten.


7. Schlussendlich können wir der Argumentation des Stadtbaurats nicht folgen, eine Verminderung des Drucks auf die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes könnte zu einer Beschleunigung der Umsetzung führen. Jede Investition in Einzelhandelsflächen am Standort Stadtwerkegelände verringert das Investoren- und Mieterinteresse am Bahnhofsvorplatz.
Das Einkaufszentrum wird eine Lösung am Bahnhofsvorplatz unwahrscheinlicher machen, mindestens aber verlangsamen.


Abseits der Sachdiskussion haben wir den Eindruck, dass über die Farbe der Beschilderungssysteme und Papierkörbe der Innenstadt eine intensivere Diskussion, Bürger- und Expertenbeteiligung stattgefunden hat, als über dieses für die City existentielle Projekt. Hier droht, über die Köpfe der Betroffenen entschieden zu werden. Wir hoffen, dass Sie die Entschlusskraft haben, sich für eine intensivere Diskussion der Entwicklungslinien der Innenstadt stark zu machen. Diskutieren Sie mit uns und allen Beteiligten zunächst diese Leitlinien der Innenstadtentwicklung, bevor Sie dem nächsten einseitigen Investorenangebot Ihre Zustimmung geben.




Mit freundlichen Grüßen


gez.
Oliver Hoffmann         Ralph Job                    Karina Kröber
- Vorsitzender - - stv. Vorsitzender - - stv. Vorsitzende -